Hilsenrath in Köln In Armenisch-Deutsche Korrespondenz , Nr.114, Jg.2001/ Heft 4

von Susanna Amirkhanyan

 Edgar Hilsenrath und Armenien

Während ich das Buch schrieb, fühlte ich mich tatsächlich als Armenier.
 
Edgar Hilsenrath

Ich bin Armenierin und komme aus Armenien. Vor vier Jahren fing ich an Deutsch zu lernen, und las eines Tages den Roman "Das Märchen vom letzten Gedanken" des deutschen Schriftstellers Edgar Hilsenrath über den großen armenischen Völkermord 1915. Der Roman hatte mich zutiefst erschüttert. Ich hatte einen Autor entdeckt,  der in seinem Meisterwerk dermaßen gezaubert hatte, dass ich die armenische Sprache hörte und armenische Gesichter sah. Alles war armenisch: armenisches Denken, armenische Liebe, armenisches Vermissen, armenische Trauer, aber am meisten armenischer Stolz. Ich mochte nicht glauben, dass der Autor kein Armenier war. Es entstand in mir der Eindruck, dass er lange Jahre in Armenien gelebt haben müsste oder zumindest enge Kontakte zu Armeniern haben müsste. Ich fing an, Informationen über  Hilsenrath in den Medien zu suchen. Später nahm ich mit ihm selbst Kontakt auf, um mehr über die Entstehungsgeschichte dieses Buches zu erfahren.
"Das Märchen vom letzten Gedanken" erschien 1989. Im selben Jahr erhielt der Autor für diesen Roman den Alfred-Döblin-Preis. Seither ist es ins Englische, Italienische, Holländische, Französische, Griechische, Armenische, Polnische, Litauische, Türkische und Russische übersetzt worden - alles in allem in zehn Sprachen. Dies beweist die Bedeutung des Romans.
Zwanzig Jahre lang hat Edgar Hilsenrath literarische und dokumentarische Quellen studiert, um seinen Roman zu schreiben, wofür er dann nur ein Jahr brauchte. Edgar Hilsenrath hat uns nicht nur ein "Märchen" erzählt, nein, er hat sich seelisch in die  Hauptfigur des Romans verwandelt und über sich selbst geschrieben.
Alexander von Bormann hat in seinem Artikel "Dokumentarische Phantastik" in der Neuen Zürcher Zeitung im Jahr 1989 Edgar Hilsenraths Roman mit Franz Werfels "Die vierzig Tage des Musa Dagh" (1933) verglichen und geschrieben: "Doch finde ich Hilsenraths Roman dem Werfels bedeutsam überlegen: er ist historischer und poetischer zugleich". Und als Nachfolger hat Edgar Hilsenrath Werfels Arbeit weiterentwickelt und verbessert. Es ist der bekannteste und der beste deutsche Roman über den ersten und geplanten Völkermord des 20. Jahrhunderts seit Franz Werfels "Die vierzig Tage des Musa Dagh". Hilsenraths Roman ist in Armenien zum Klassiker avanciert.
Die deutsche Gesellschaft hat dank Edgar Hilsenraths Buch wieder von Armenien und vom armenischen Genozid gehört. Alexander Bowin, ein bekannter russischer Journalist, Politologe und ehemaliger   Botschafter in Israel, hat in seinem eindrucksvollen Vorwort für die russische Übersetzung bemerkt: "Das Buch wurde mit Sicherheit nicht für Armenier geschrieben ... Sie werden eine ungewöhnliche, schwankende, gleichsam aus dünner Spitze geflochtene Welt sehen, die durch ein Prisma von Katastrophen und tragischen Wendepunkten gezeigt wird ... Hilsenrath verbindet kunstvoll (und elegant) verschiedene Sinnebenen, führt den Leser durch verschiedene Systeme von Koordinaten. Wir lernen den Westen Armeniens kennen, seine Landschaften, sein Leben, seine Bräuche, den Alltag des armenischen Volkes. Wir fliegen in metaphorische Höhen des Todes und der Unsterblichkeit, kommen zu einem universalen, allgemein menschlichen Wert".
Merkwürdigerweise wurde "Das Märchen vom letzten Gedanken" in Deutschland wenig beachtet. Lili Ter-Minasian übersetzte 1993 bis 1996 den Roman ins Armenische. Seither wurde er in Armenien zum Nationalepos.
Als ich erfahren hatte, dass Edgar Hilsenrath noch nie im heutigen Armenien war, setzte ich mir zum Ziel, für ihn eine Reise dorthin zu organisieren.  Anfang Oktober 2001 erhielt Edgar Hilsenrath zusammen mit seiner Frau Marianne Boehme eine Einladung für zwei Wochen nach Armenien. Sie waren vom Außenministerium der Republik Armenien eingeladen worden. Die Einladung wurde mit großer Freude angenommen. Und mir wurde die Ehre zuteil, beide auf dieser Reise zu begleiten. Die Botschaft der Republik Armenien in Berlin kümmerte sich um die Organisation und Finanzierung der Reise für Edgar Hilsenrath und seine Frau.
Am Flughafen von Jerewan empfing man die beiden mit Blumen. Unter denen, die sie willkommen hießen, war auch der Verfasser der russischen Übersetzung des Romans, Alexander Aslanyan, der eigens für ein Treffen mit dem Schriftsteller aus Moskau angereist war.
     Edgar Hilsenrath wurde in Armenien schon lange erwartet. In freundschaftlicher Atmosphäre fand eine Zusammenkunft mit dem Außenminister der Republik Armenien, Wartan Oskanyan, statt. Es gab eine Pressekonferenz im Haus der Journalisten. Die armenische Presse sowie das Fernsehen berichteten ausführlich über die Anwesenheit des Ehrengastes. Es erschienen zahlreiche Artikel über Edgar Hilsenrath, der zudem in einigen Fernsehübertragungen zu Gast war.  Der Schriftsteller aus Deutschland wurde an der Staatlichen Universität von Jerewan  mit stürmischem Applaus von Seiten der Studenten und Professoren empfangen. Edgar Hilsenrath wurde ebenso herzlich erwartet bei dem Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, Fadei Sarkisyan. Als Zeichen der besonderen Ehrung wurde Edgar Hilsenrath vom Katholikos, dem religiösen Oberhaupt der armenischen Kirche mit Sitz in Etschmiadsin, eingeladen. Edgar Hilsenrath wurde Ehrenmitglied im Schriftstellerverband der Republik Armenien. Dies geschah bei einem Treffen im Hause der Schriftsteller.
    Seit einigen Jahren bietet das Theater im Polygon aus der Stadt Fellbach dem deutschen Publikum eine auf dem Roman „Das Märchen vom letzten Gedanken“ beruhende visuelle Rezitation. Zeitlich parallel zu dem Besuch von Hilsenrath lud das Kulturministerium der Republik Armenien das Theater zu einem Gastspiel ein. In der Hauptstadt Jerewan fanden zwei ausverkaufte Aufführungen statt. Die jungen deutschen Schauspieler spielten mit Begeisterung, und aufgrund ihrer hohen Qualität wurde ihr Spiel begeistert vom kritischen armenischen Publikum aufgenommen und gewürdigt. Es ist zu betonen, daß die Aufführung nicht übersetzt wurde, trotzdem aber inhaltlich gut verständlich war. Das Kulturministerium der Republik Armenien zeichnete die Mitglieder des „Theater im Polygon“ mit Ehrenurkunden aus.
Im Gegensatz zu diesen geplanten Begegnungen ahnte niemand voraus, dass das Theater Boheme aus der Stadt Wanadzor sich seit einigen Monaten für das Stadtfest mit einer auf „Das Märchen vom letzten Gedanken“ basierenden Vorstellung vorbereitet hatte. Der Regisseur und die Darsteller wussten nichts von der Reise Hilsenraths nach Armenien. Aus den Fernsehnachrichten hatten sie schließlich von seiner Ankunft erfahren und Edgar Hilsenrath und das „Theater im Polygon“ zu ihrer Erstaufführung eingeladen. Hilsenrath nahm die Einladung dankbar an. Nach einer großartigen Darstellung, die von starkem Beifall begleitet wurde, bat man den Schriftsteller auf die Bühne, wo die Schauspieler als Zeichen ihrer Verehrung Berge von Blumen zu seinen Füßen niederlegten. Abends wurden diese unvergeßlichen Momentaufnahmen im Fernsehprogramm von Wanadzor ausgestrahlt. Eine solch warmherzige Begegnung bringt sehr deutlich die ehrlich empfundene Freude und Dankbarkeit der Menschen zum Ausdruck und bleibt lange in Erinnerung. Hilsenrath war besonders gerührt von der Herzlichkeit der Menschen in Armenien, ihrer Offenheit und Gastfreundschaft.
Zwei Theater - in Deutschland und in Armenien – versuchten, dieses psychologisch gefärbte Werk auf die Bühne zu stellen, und sie haben es geschafft. Aber dieser Roman ist bestimmt für einen Breitwandfilm. Sicher werden wir bald erfahren, dass jemand angefangen hat, an der Verfilmung zu arbeiten.
Mit seinem Roman wollte Edgar Hilsenrath das Schweigen über das Vergessene brechen. Solche Bücher sind es, die Hoffnung und Gerechtigkeit bringen werden. Seine Stimme muss auf der ganzen Welt gehört werden. Der Roman ist in London auf Englisch erschienen, aber für den amerikanischen Leser unbekannt geblieben. Eine Herausgabe dieses Buches in den USA wäre daher sehr wichtig. Edgar Hilsenrath, der Autor von acht weltweit bekannten Romanen, ist vieler Auszeichnungen würdig. Er müsste auch für den Nobelpreis für Literatur nominiert werden, Armenien wird ihn hierfür vorschlagen.